J Cole – KOD [Review]

Nach einer anderthalbjährigen Albumpause, die mit durchweg soliden Featureauftritten gefüllt wurde, überrascht der (fun fact!) gebürtige Frankfurter mit kurzfristig angekündigtem Release: ”KOD”. Wofür dieses Akronym steht und ob Cole an seine mit mehrfach Platinum ausgezeichneten Vorgänger “2014 Forest Hill’s Drive” und “4 Your Eyez Only” herankommt, erfahrt ihr hier.

KOD” steht für drei verschiedene Ausdrücke, die ein zusammenhängendes Konzept aufzeichnen, das sich durch den zwölf Track starken Tonträger zieht und schlussendlich ein starkes Gesamtbild darstellt. Eben dieses lässt sich auch herrlich im Cover interpretieren, also: Album hören, Album verstehen, Cover anschauen, Cover verstanden. Ganz einfach eigentlich.

Kids On Drugs. King Overdosed. Kill Our Demons.

Die älteren Raphörer unter uns werden es kennen: in der heutigen trapdominierten Szene, in der man sich vor lauter Lil XYZ-Artists kaum retten kann, trauert man oft der “Golden Age des Hip Hop” hinterher, welche für viele als Zeit des “einzig realen Hip Hop” gilt. Nun hängt Cole sich aber nicht daran auf oder driftet in selbstbemitleidender Nostalgielyrik ab. Viel mehr sympathisiert er mit vielen Facetten der New School und hat Verständnis für das pubertäre Verhalten vieler junger Rapstars, weil er weiß, woher beispielsweise der verschwenderische, auf Materialität und Party bezogene Umgang mit Geld kommt und welche Wirkung er haben soll. So ist „1985“ auch keineswegs als Dozieren oder sogar Diss gegen die neue Welle der jungen Newcomer zu verstehen, sondern als Warnung und Ratschlag eines schlichtweg erfahreneren Künstlers.

I remember I was 18 / Money, pussy, parties, I was on the same thing” (“1985”)

You coulda bought a crib with all that bread that you done blew” (“1985”)

Materialismus, Turnup und Sex scheinen in den letzten Jahren mehr Platz gefunden zu haben, als eine Message zu überbringen oder überhaupt lyrisch in Songs zu existieren. Mit 18, so Cole, ist das auch erst einmal völlig normal, schwierig wird es erst, sobald man die riesige Reichweite betrachtet, durch die genau dieses Bild an eine ganze Generation vermittelt wird, wenn es nicht von einer vermeintlichen Instanz eingeordnet wird. Cole suggeriert in “1985” als Antwort auf die Mumblerapszene, dass sich mit wachsender Präsenz auch die Beeinflussung auf die Jugend erhöht und zeigt auf, wie wichtig es ist, sich dessen bewusst zu sein und Fingerspitzengefühl für die Macht der Worte zu entwickeln. Scheitert das, läuft man unweigerlich der Gefahr auf, als (wenn überhaupt) “King Overdosed” zu enden, wie Cole selbst, der ebenfalls oft auf Eskapismus in Form von Drogenkonsum als Methode der Problembekämpfung zurückgegriffen hat.

Subconsciously I was nervous that if I came home early then what would surface was her inner demons” („Once an Addict“)

Drogen- und Suchtprobleme treten auch in Coles privatem Umfeld auf. In “Once an Addict” beschreibt er eindrucksvoll die Entwicklung der Beziehung zu seiner Mutter, die unter Alkoholismus leidet, während er in “FRIENDS” die Schwierigkeiten und Herausforderungen der Sucht erklärt. Auch Depressionen und Co-Abhängigkeit sind wiederkehrende Bestandteile in Coles Leben, die in “KOD” nicht unausgesprochen bleiben. Generell zieht sich die Drogenthematik konsequent durch das Album und wird auch an Stellen erwähnt, in denen es nicht um Alkohol oder Cannabis geht, sondern um Dinge, die ähnliche Wirkungen und Suchteffekte aufzeigen und als Bedürfnisbefriedigung oder Schmerzbekämpfung fungieren.

Life can bring much pain. There are many ways to deal with this pain. Choose wisely.” (“ATM”)

In “ATM” und “Motiv8” beschreibt Cole seine Beziehung zu Geld sowie die materialistische Versuchung, der man nur schwer zu widerstehen vermag. Man könnte “ATM” beispielsweise so interpretieren, dass das ständige Verlangen und die hohe Bedeutung von Geld in unserer kapitalistischen Gesellschaft, ähnlich wie beim Gebrauch von Drogen, einen inneren Dämon in uns heraufbeschwört, den es zu widerstehen und bekämpfen gilt. Würde jedenfalls zum Leitfaden des Albums passen. Auch die Kritik an der für Rapper typischen “Show-off” Mentalität kommt in “ATM” klar zur Geltung und rundet den meiner Meinung nach komplettesten und stärksten Track des Albums wunderbar ab.

But money it give me a hard-on it’s typical / I want it in physical”

Man könnte noch stundenlang über die zahlreichen Thematiken in “KOD” reden, zum Beispiel die Demokratiekritik in “BRACKETS”, genauer die Kritik an der fehlenden Entscheidungsbeteiligung, wenn es um die Ziele von Steuergeldern geht. Schließlich sollte er ein Recht darauf haben, zumindest zu wissen, wo seine Steuergelder hinfließen. Übrigens wird dieser Punkt im Interlude von “BRACKETS” großartig in Szene gesetzt.

I guess they say my dollars supposed to build roads and schools / But my niggas barely graduate, they ain’t got the tools” („BRACKETS“)

I said ‘Democracy is too fuckin’ slow’ / If I’m givin’ y’all this hard-earned bread, I wanna know” („BRACKETS“)

Oder aber man philosophiert in “Photograph” (zugegebenermaßen etwas oberflächlich) über die Social-Media-Welt mit Instagram und Co., in deren Form sich ebenfalls die Thematik der Sucht wiederfinden lässt. Allerdings würde das hier den Rahmen sprengen und tatsächlich spricht die Musik dank Coles fesselnden Storytellings für sich, wenn man bereit ist, zuzuhören.

Fazit:

KOD” hat meine Erwartungen übertroffen und ist das wahrscheinlich beste Werk des 33-Jährigen aus Fayetteville. Sicherlich kann man die für Cole typische monotone Produktion kritisieren und mehr Abwechslung sowie das ein oder andere Vokalfeature einfordern, um mehr Replayvalue zu generieren. Tracks wie “ATM” und “KOD”, in denen Cole auf experimentierfreudigeren Beats mit verschiedenen Flows spielt und dabei trotzdem lyrische Dichte zeigt, wissen zu glänzen, sind aber leider eine Rarität. Auch mit Coles alter ego “kiLL edward” wurde viel Potential verschwendet, da hier einfach nur seine Stimme lieblos runtergepitcht wurde, um den stimmlichen Stereotyp eines Dämons zu bedienen. Hier hätte ich mir die Entwicklung eines echten Charakters gewünscht, der für Abwechslung und Spannung sorgt. Rein lyrisch gesehen lässt sich allerdings kaum ein Track kritisieren. Viel mehr hat Cole alle Lorbeeren der Welt verdient für den erfolgreichen Versuch, die komplexen Themen der heutigen Zeit wie Sucht, Depressionen, strukturellem Rassismus, Kapitalismus, etc. einzuordnen und miteinander in Verbindung zu bringen und dabei sogar den ein oder anderen Lösungsansatz zu bieten. Zugegebenermaßen macht Cole es sich mit dem Vorschlag der Meditation in “FRIENDS” viel zu einfach. Das Thema ist wesentlich komplexer, als dass es sich durch Meditation aus der Welt schaffen lässt (was nicht heißen soll, dass das nicht helfen kann). Trotzdem schafft Cole es, über weite Strecken ohne Zeigefingermodus, ohne kitschig zu wirken und ohne zu preachen für diese eben angesprochenen Themen zu sensibilisieren.

KOD” ist somit eines dieser Werke, das zwar sowohl die komplizierten Zusammenhänge im Jahre 2018 widerspiegelt, als auch ein poetisch zeitloses Gesamtpaket bildet, aber trotzdem noch zu viele Schwächen hat, um sich den Status “all time classic” zu verdienen.

Abschließend lässt sich trotzdem sagen: J Cole hat Nas nicht enttäuscht.

Best Tracks: ATM, KOD, 1985, Once an Addict, BRACKETS

Rating: 7,5/10

– Olli

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