Eminem – Revival [Review]

Eminem’s 9. Studioalbum „Revival“ ist seit zwei Wochen auf dem Markt und landete, wie erwartet, direkt auf Platz 1 der US-Charts – und das zum achten Mal in Folge. Das haben vor ihm nur Madonna und U2 geschafft. Ob das Album den riesigen Erwartungen standhalten kann, erfahrt ihr in diesem Review.

 

 

TRACK BY TRACK 

 

Walk on Water

Unglaublich gefühlvoller, packender Start ins Album. Eminem beschreibt hier wie so oft seine selbstkritischen Gedanken, seinen inneren Konflikt und den Erwartungen der Fans, die er bei seinen letzten Releases nicht immer erfüllen konnte, weil er die Latte selbst so hochgesetzt hat („It‘s the curse of the standard that the first of the Mathers discs set“).
Man bekommt, anders als bei den anderen Popfeatures auf dem Album, nicht das Gefühl, dass Eminem das Feature ist, sondern dass er der Protagonist ist, der eine Story erzählt, wobei er gleichzeitig seine Karriere Revue passieren lässt und seine Legacy in Frage stellt. Dabei findet man immer wieder Referenzen aus früheren Tracks („Bitch, I wrote Stan!“) sowie Anmerkungen zu früheren Tracks (das Big Sean Feature und dem Part auf „Speedom“), auf denen er stark kritisiert wurde. Diese kleinen Gimmicks fallen teilweise auch beim Video auf, welches die Lyrics so smart visualisiert, dass Filmatmosphäre entsteht. Sowas macht einfach Bock auf mehr und sorgt beim Fan für Gänsehaut.
Kommt als erster Song gut und ist der Beste der vielen Popsongs auf dem Album.

7/10 Punkten

 

Believe

Mit dem Outro aus „Walk on Water“ macht „Believe“ hier direkt weiter, sogar mit zwei Reimen auf der „Bitch I wrote Stan“-Zeile aus dem letzten Track – nettes Gimmick.
Ansonsten ein rundes Ding, moderner, frischer Sound und Eminem ist eins mit dem Beat. Inhaltlich wird die Thematik aus dem vorherigen Track aufgegriffen und weitergeführt. „Since Cleaning Out My Closet / When I was havin‘ trouble with the snare“ – wieder so eine Referenz, bei der man einfach Gänsehaut kriegt, wenn man seine Diskografie verfolgt hat.
Trotzdem finden sich hier leider einige Zeilen, die extrem corny/cringy sind, was dazu führt, dass man aus der Atmosphäre und dem Konzept gezogen wird

(„ … I just got that air about me like wind chimes“) – eines der größten Kritikpunkte an Eminems jüngerer Diskografie.
Nichtsdestrotrotz noch einer der stärkeren Vertreter auf dem Album.

6/10 Punkten

 

Untouchable

Mit der zweiten Singleauskopplung geht Eminem ein extrem sensibles, aktuelles Thema an: Rassismus in Amerika, insbesondere Polizeigewalt gegenüber Afroamerikanern und das Problem des Phänomens von „White Privilege/White Supremacy“.
Der Song dient vielleicht nicht unbedingt als Loop, da er nicht so leicht ins Ohr geht und Eminems wiederkehrender „stop-and-start“ Flow lästig sein kann, aber er schafft es, die Thematik der rassistischen Ungerechtigkeit in Amerika stilistisch und konzeptionell zu verpacken, indem er mit musikalischen Klischees arbeitet. Im ersten Teil des Songs wird die Sicht eines Weißen dargestellt, was mit einem rockigen Sample untermalt wird und im zweiten Part zeigt Em‘ die Sicht eines Schwarzen, stilistisch begleitet per klassischem Boom-Bap Hip Hop Beat.
Das wirkt überwiegend authentisch und funktioniert als Statement in Track- und Konzeptform besser als beim früher im Jahr erschienendem BET Freestyle gegen Trump oder zum Beispiel auf „Like Home“.

7/10 Punkten

 

Remind Me

Ich werde mit dem Track auch nach dem 20. Mal hören nicht warm. Die vielen peinliche Lines (hier nur die schlechteste: „your booty is heavy duty like diarrhea“) in Verbindung mit dem Rick Rubin Einfluss und der meiner Meinung nach schlampigen Samplearbeit machen den Song für mich absolut ungenießbar. Naja..

2,5/10 Punkten

 

Framed

Endlich dieser verrückte, wahnsinnige, Serienkiller/Psychopathenstyle im Slim Shady Look, den man sich zurückgewünscht hat.
Erinnert, auch flowtechnisch, stark an „Relapse“, weil es diesen Horrorcore Charakter hat, dazu der beste Beat des Albums, auf dem er extrem geil kommt und komplett on beat ist. Einer dieser Em‘ Tracks, bei dem er wirklich mit dem Beat verschmilzt und so nicht nur einen Film projiziert, sondern auch raptechnisch mit krassem rhyme pattern abliefert. Vergleicht man „Framed“ mit den inspirationslosen Popsongs, merkt man, was Em‘ drauft hat, wenn er einfach seinen Style fährt. Mehr davon!

8/10 Punkte

 

River, Bad Husband, Need Me, Tragic Endings, Nowhere Fast, (Like Home)

Die großen Schwächen des Albums. Alles mehr oder weniger dasselbe: langweilig, schnulzig, kitschig, teilweise mit extrem peinlichen Parts (Stichwort corny bars). Das einzig positive sind tatsächlich die Features, die alle im Kontext der Songthematiken so abliefern, wie man es von Ihnen erwartet hat, aber es geht hier ja nun mal um Eminem und nicht um Ed Sheeran, Skylar Grey, Alicia Keys oder Pink, die auf „Need Me“ ironischerweise mehr Spielzeit als Em‘ selbst hat.
Inhaltlich haben diese oberflächlichen Balladen weder mit der Slim Shady-Persona noch mit Marshall Mathers etwas zutun – es passt einfach nicht, ist erzwungen, oft peinlich/kitschig und generell kann Eminem viel mehr als das. Schade.
Von den auffallend schlechten Produktionen mal ganz zu schweigen (Tragic Endings hört sich an wie eine Demoaufnahme). „Recovery“ Fans können dem vielleicht noch etwas abgewinnen, mir bringt das gar nichts.

2/10 Punkten

 

Castle/Arose

Wenn man es dann doch bis ans Ende geschafft hat, wird man wenigstens mit dem besten Songkonzept des Albums belohnt. In dem Song geht es um Briefe an seine Tochter Hailie, die Marshall zu verschiedenen Zeiten seines Lebens verfasst hat und wie die Geschichte seiner Drogensucht hätte enden können, wenn er zwei Stunden später im Krankenhaus gewesen wäre.
Am Ende wird in einem hypothetischen Handlungsstrang erzählt, wie er eine Überdosis Pillen schluckt und man wird in den nächsten Track „Arose“ geleitet, in dem er im Krankenhaus im Sterben liegt. Im letzten Teil wird dann das Tape zurückgedreht und man befindet sich wieder im „Castle“ Beat. Die beiden zusammenhängenden Tracks sind instant classics und können locker mit der Atmosphäre, Flow und Storytelling von „The Eminem Show“ mithalten.

9/10

 

Fazit

Was dem Album fehlt und was dazu führt, dass man mit einem gemischtem Gefühl aus der Sache geht, ist ein klarer, deutlicher roter Faden, ein Ziel, eine Wirkung, letztendlich eine Identität.

Zum Einen gibt es die Themen auf Tracks wie „River“, „Tragic Endings“, „Need Me“ und „Bad Husband“, die zum Teil sehr erzwungen und dadurch langweilig sind, da die Tiefe fehlt und es einfach inhaltlich zu poppig und wiederholt wird. Das hört sich zu sehr nach „Love the way you lie“ an und man fragt sich, was Eminem damit bezwecken will oder was er sagen will, was vorher noch nicht gesagt wurde. Bei jedem dieser Songs könnte man Eminem getrost weglassen, da die Hooks alleine schon ausreichen, um den Song inhaltlich zu erzählen.

Gleichzeitig geht es auf „Untouchable“ und „Like Home“ um die Unzufriedenheit mit der politischen Lage in Amerika und generell weltweit, was in Anbetracht des Albumcovers auch die Quintessenz der Platte sein könnte oder sogar sollte. Um als Aushängeschild zu fungieren findet diese Thematik aber nicht oft genug statt und wenn, dann oft an den falschen Spots, mit zu wenig Intensität oder einfach zu flach, unbeholfen und mit einer sehr kitschigen amerikanischen Patriotismusnarrative. Schade eigentlich, weil Künstler wie J. Cole, Kendrick Lamar oder Joey Badass in jüngster Zeit bewiesen haben, dass dahingehend mehr möglich ist. Wieso die beiden nicht als Feature auftauchen, ist übrigens auch schade.

Dazu kommen dann noch die vielen unpassenden, peinlichen Zeilen (“This type of pickle that we‘re in is hard to deal“ – deal/dill, dill pickle = saure Gurke, what the f***?), durch die die wenigen Bilder im Kopf, die man versucht zu erzeugen, komplett zerstört werden.

Auf „Remind me“ und „Heat“ rappt Eminem dann auf rockige Rick Rubin Produktionen, ähnlich wie schon auf „Berzerk“. Entweder man mag diese Rick Rubin Produktionen oder eben nicht. Ich mag sie nicht. „Berzerk“ war noch irgendwie cool, weil man es als Hommage an die Beastie Boys sehen konnte. Mir gefällt Eminem aber auf Dr. Dre Produktionen schlicht und einfach besser.

Ich bekomme bei dem ganzen Hin und Her zwischen verschiedenen Genres ein bisschen das Gefühl, dass Eminem unbedingt Aufmerksamkeit aus allen Ecken verlangt und jedem etwas bieten will, auch denen, die eigentlich gar keinen Bezug zu ihm und seiner Musik haben. Das wirkt dann zu erzwungen und gewollt und macht im Rückschluss auf eines der weiteren großen Themen des Albums, nämlich die Erwartungshaltung seiner Fans (siehe „Walk on Water“), überhaupt keinen Sinn, weil er damit seine jahrelangen Supporter eher verschreckt als sie zu begeistern und zufrieden zu stellen. Er sagt erst, er nehme sich die Kritik zu Herzen und es sei ihm wichtig, die Erwartungen seiner Fans zu erfüllen und macht dann „Love the way you lie“ Teil 2,3 und 4 – Schade.

Schlussendlich rappt er auf „Castle“ und „Arose“ im Stile von „The Eminem Show“. Für mich neben „Framed“ und „Offended“ die besten Songs, da das Konzept genial ist, der Flow passt, der Beat erzeugt diese Atmosphäre, die man von den Marshall Mathers LPs und „The Eminem Show“ kennt, die Vocalparts von Liz Rodrigues wirken begleitend und unterstreichen das Gesamtpaket – man fühlt sich wie im Film, es erschafft ein Bild im Kopf.

Die einen werden jetzt sagen, dass Eminem auf dem Album schlichtweg viele seiner Styles zeigt und dadurch Vielseitigkeit beweist. Ob das im Kontext eines Albums, das eigentlich einem übergeordnetem Konzept mit rotem Faden folgen wollte, funktioniert, oder ob es nicht doch zu viel Durcheinander bewirkt, muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden.

 

BEWERTUNG

Ein sehr durchwachsenes Album ohne klare Linie und Richtung. Die Tracks, auf denen Eminem on beat ist, die ein Konzept und Tiefe haben, sind auf extrem hohem Niveau und sehr gelungen. Andererseits sind die Tracks, die das nicht bieten, wirklich so unbedeutend, dass man sie getrost skippen kann. Dadurch wirkt das Album eher wie ein Mixtape oder eine Free LP mit zusammenhangslosen Tracks und es verliert seinen Projekt- und Konzeptcharakter, was Platten wie „Marshall Mathers LP“, „Slim Shady LP“ oder „The Eminem Show“ so ausgezeichnet hat. Schade, weil mehr drin gewesen wäre, vor allem bei der Featurewahl und bei der teilweise wirklich miserablen Produktion. Für mich ist das zu belanglos, zu kitschig und abgedroschen, zu gezwungen, zu chaotisch, beattechnisch zu schwach, zu viel Rick Rubin, zu wenig Rap.

Trotz allem gibt es auch auf „Revival“ diese Momente, wo man nach dem zehnten Mal hören noch neue Referenzen und Wortspiele findet, was Eminem als Lyriker einfach außergewöhnlich macht, daher insgesamt…

4/10 Punkten

 

 

– mittwochs. olli

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